Der Tango

Kurze Geschichte des Tango. Der Tango als Tanz und Musikrichtung entstand Ende des 19. Jhdts. in den beiden Zentren Montevideo und Buenos Aires. Getrieben von wirtschaftlicher Not und durch groß angelegte Einwanderungsprogramme der argentinischen Regierung angetrieben, landeten ab 1870 Hunderttausende Einwanderer, vor allem aus Südeuropa per Schiff in den Hafenstädten an der Mündung des Rio de la Plata. Doch die Erwartungen der Einwanderer auf Wohnraum, Lohn und Brot sollten sich nur schwer erfüllen. Eine von der Regierung geplante Landreform zur Eingliederung scheiterte, arbeitslose Landarbeiter und Viehhirten fluteten zurück in die Stadt-zentren. In diesem Schmelztiegel verschiedener Nationen herrschte bald Arbeitslosigkeit und wirtschaftliche Not bei immer knapper werdendem Wohnraum. Allein zwischen 1880 und 1930 betrug die Zahl der Neuankömmlinge ca. 6 Mio.

Anfängliche Sprachprobleme, Entwurzelung, Melancholie, Heimweh, Einsamkeit, Hoffnungslosigkeit, Perspektivlosigkeit, soziale Chancenlosigkeit und  Ungerechtigkeit prägten ein Klima von Verkommenheit, Verarmung und  Kleinkriminalität. Zudem herrschte extremer Frauenmangel, was Prostitution und Frauenhandel zur Folge hatte. Orte der Vermischung und der Verbindung entstanden: die Straßen, die Mietskasernen, Vergnügungsetablissements. Diesem gesellschaftlichen Klima entstammen die Wurzeln des Tango, als Lied, als Tanz und als Lebensgefühl. Das alles spiegelt sich in den Inhalten und Texten der späteren Lieder (ab 1917) wieder. Musiker und Komponisten verschiedener Stilrichtungen fanden zusammen und schufen Kompositionen, um Ihren verletzten Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Das wichtigste Instrument des Tango, das Bandoneon wurde von dem deutschen Auswanderer Heinrich Band entwickelt.

Enrique Santos Discepolo gilt heute als einer der bekanntesten Tangokomponisten. Von ihm stammt der viel zitierte Satz: „El tango argentino es un pensamiento triste que se puede bailar“.
“Der Tango argentino ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann”. Der Tango drückt die Sehnsucht nach Nähe, nach einer unerfüllbaren Geborgenheit aus.

Einwanderer und Einheimische vermischten sich mit der Zeit, das Stadtbild veränderte sich nach europäischem Geschmack. In den Zeiten der wirtschaftlichen Krise gab es auch Phasen der Erholung. Überfluss und Luxus entstanden durch den Export von Saatgut und Rindfleisch. Als Gegenpol hierzu entwickelten sich die Mietskasernen und Fabriken in den Vorstädten. Extreme Arbeitsausbeutung prägte die Zeit, Gewerkschaften entstanden, Arbeitskämpfe begannen.
Die etablierte Mittel- und Oberschicht lehnte den Tango anfänglich allerdings als zu obszön und vulgär ab. Erst als der Tango in eleganten Salons in Europa durch reisende Sänger, Musiker und Tänzer sowie durch neue Medien wie Schallplatte, Film und Radio in den sogenannten goldenen Zwanziger Jahren zum grandiosen Erfolg wurde, fand er auf diesem Umweg Eingang in alle Schichten in seiner Heimat.

Um den „anzüglichen“ Tanz aus den südamerikanischen Vororten an die Bewegungskonzepte des europäischen Tanzsaals anzupassen, entwickelten englische Tanzlehrer und Choreographen den europäischen Standardtanz Tango. Die Zeit zwischen 1935 und 1955 wird als das „Goldene Zeitalter“ des Tango bezeichnet. Die Menschen besaßen genügend Geld, um sich am Wochenende zu vergnügen, und in jedem Viertel entstanden neue Tangoorchester. Die Tänzer   entwickelten jetzt Figuren und Drehungen, wie sie bis heute getanzt werden: Voleos, Ganchos, Ochos, Quebradas und viele mehr.

Anfang der 1950er Jahre begann der Niedergang des Tangos in Argentinien. Die Jugend interessierte sich mehr für populärere Musik, nach dem Regierungswechsel 1955 wurden die staatlichen Förderungen zurückgefahren und ein allgemeines Desinteresse machte sich bemerkbar. 1960 war der Tango so gut wie ausgestorben. Erneuerer wie Astor Piazolla hatten den Tango jedoch nie aufgegeben und experimentierten mit dem „Tango Nuevo“. Unter dem Einfluss von Jazz und Klassik entstanden Neuinterpretationen und Weiterentwicklungen, die jedoch als „nicht tanzbar“ galten.

In den 1970er Jahren wurde Südamerika von einer Reihe brutaler Militärputsche heimgesucht. Viele Menschen flohen vor Gefängnis, Folter und Tod nach Europa ins Exil. Astor Piazollas neuer konzertanter Tango als Fortsetzung der argentinischen Wurzeln weckte jedoch auch wieder das Interesse für die ursprüngliche Musik. Bühnenshows wie „Tango Argentino“ in Paris (1983) oder das Nachfolgeprojekt „Tango Pasion“ machten den Tango wieder populärer und es entstanden parallel in Berlin und Amsterdam wieder die ersten Tangoschulen, die eine neue europäische Tanzbegeisterung für den originalen Tango auslösten und seine Rückkehr an den Río de la Plata unterstützten. Ab 1984 begann der Tango auch in Buenos Aires damit, sein Schattendasein zu verlassen. Man erinnerte sich seiner traditionellen Wurzeln und feierte ihn als Neuentdeckung. Inzwischen gibt es am Rio de la Plata wieder ein großes Angebot an Milongas und Tanzshows.

Wo wollen wir uns positionieren? Oder wollen wir uns überhaupt positionieren?

Diese Frage zielt auf die seit längerem herrschende, teilweise heftigen Diskussion zwischen „Traditionalisten“ und „Erneuerern“ der Tangomusik- und Tangotanzstile in Deutschland aber auch weltweit.  Der Heidetango e.V. ist seit seiner Gründung 2001 mit der Musik und den Geflogenheiten der „traditionellen Tangotanzszene“ groß geworden.

Wir spielen auf unseren „traditionellen Milongas“ überwiegend klassischen Tango, Vals und Milongas. Einen gewissen Anteil von circa 10 Prozent an „Nontangos“ ist dabei durchaus erlaubt. Der Tanzabend bzw. der Musikfluss wird durch „Cortinas“ und „Tandas“ strukturiert und folgt somit gewissen verbindlichen Gesetzmäßigkeiten. Dieser „Codex“ soll auch in Zukunft auf unseren „traditionellen Milongas“ eine Leitlinie bilden.

Wir möchten uns aber auch für neue, zeitgenössische Entwicklungen, wie z.B. den „Tango Nuevo“ oder „Neotango“ öffnen  und auch dieser Bewegung im Vereinsleben einen neuen eigenen Raum anbieten. Der „Neotango“ läßt, anders als der „traditionelle Tango“,mehr Freiheit für Bewegung, Rhytmen und Musik. Neben dem Öffnen der Tanzhaltung beeinflussen z.B. Elemente aus „Contact-Improvisation“ oder „Modern-Dance“ den Improvisationsfluss.
Getanzt wird neben elektronischer Tangomusik auch auf andere Musikformen wie z.B. „Weltmusik“, deren Stücke oft auch als „Nontangos“ bezeichnet werden.

Wir meinen, dass wir mit einer Öffnung hin zum „Tango Nuevo“ oder „Neotango“ keinen Gesichtsverlust erleiden müssen. Wir favorisieren ein versöhnliches Nebeneinander und Miteinander. Deshalb werden wir in Zukunft neue Veranstaltungen und Milongas mit Schwerpunkt „Neotango“ als „Neolonga“ kennzeichnen bzw. deklarieren. Dadurch hat jeder Tangotänzer oder jede Tangotänzerin selbst die Möglichkeit und Freiheit zu entscheiden, ob Er/Sie den richtigen Platz für sich gefunden hat. Keiner/Keine soll sich beschweren, irgendwann auf der falschen Veranstaltung gelandet zu sein! Deshalb ist es ratsam, sich auf der Webseite über die jeweilige Veranstaltung zu informieren.

Der Tango heute.

Ab den 1990er Jahren vermischte sich der Tango mit anderen Musikstilen. Es entstanden viele neue Ensembles, Komponisten und Sänger, welche die Musik am Rio de la Plata mit Pop, Rock, Jazz, Latin und elektronischer Musik fusionierten. So kamen dann auch neue Formen wie der Elektrotango zustande. Ein vorherrschender Stil ist heute allerdings kaum auszumachen.